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Geschrieben von Q-Flat am 12.04.2014 um 20:11:

Switchback - Erfahrungsbericht

Erfahrungsbericht FLD Switchback 2013




Switchback“, was ist das eigentlich für ein dämlicher Name?  Warum hat man bei diesem Dyna-Modell nicht, wie früher, auf den traditionsreichen Begriff Convertible zurückgegriffen? Klar, die Marketing-Strategen haben sich etwas dabei gedacht: die Switchback, das sind „zwei Motorräder in einem“, ein „voll ausgestatteter Tourer“ und ein „cooler Cruiser“, zwischen denen man klick/klack, nach Laune, hin- und her switchen kann. Werbe-Quatsch, den man nicht glauben muss. Die Switchback ist nicht schizophren. Es handelt sich bei ihr um eine lupenreine Dyna, mit allen vor und Nachteilen, aus der weder ein Tourer vom Schlage einer Roadking, noch ein Cruiser vom Typ Fatboy wird. Es ist eine Dyna, an die man – wie bei vielen anderen Motorrädern auch – Zubehör wie Koffer und Scheibe an- und abbauen kann.



Die Switchback wie ich sie am liebsten mag: ohne Tourenzubehör.







I. Harley-Feeling mit der Switchback

Wo es rockt, vor Bars und Cafés, im Umfeld von Bier, Qualm und Musik ist man mit einer Harley richtig. „Shakin‘ All Over“ und  der V-2 gehören zusammen. Je länger ich Harley fahre, desto mehr fügen sich Dinge, die ich früher als getrennt betrachtet habe, zu etwas Ganzheitlichem zusammen. Das Leben wird Harley, Harley wird das Leben. Schon komisch.

 

Parken

Beim Anblick einer Harley gehen Menschen aufeinander zu. Folgende Szene: Im letzten Sommer parkte ich die Switchback am Alten Hafen von Marseille und setzte mich vor ein Café, um mein Bike vor der schönen Kulisse zu genießen. Während der Motor klingend abkühlte, wie Kirchenläuten, stellte sich eine ältere Dame mit Einkaufstüten davor und betrachtete sie. Ein elegant gekleideter Herr mit beigen Schuhen kam dazu. Gemeinsames Innehalten. Wenig später erschien der dritte im Bunde: ein vom Leben gezeichneter Clochard, Mitte 60, mit 500ml-Bierdose und zerzaustem Bart. Er zeigt auf den Motor, hebt den Daumen und erzählt. Der elegante Herr hört interessiert zu, geht mit kritischem Blick um das Bike und zeichnet mit ausgestreckten Armen, über Tank, Sitzbank und Schutzblech seine geschwungene Designlinie nach. Als Antwort bekommt er eine ablehnende Handbewegung. Der verwilderte Typ stellt seine Bierdose auf das Pflaster und mimt breitbeinig einen Chopper mit ultra-hohem Ape und ultra-niedrigem Sattel. Worauf die Frau, ohne ihre Tüten von ihren Handgelenken zu nehmen, ebenfalls einen imaginären Hoch-Lenker ergreift, wie die Bardot zu ihren besten Zeiten mit den Hüften schwingt und singt: „Je n’ai besoin de personne,…“ Alle lachen. Harley-Magie.

 

Anfahren und ausrollen

Ampel. Im Leerlauf werden die Hände vom  locker gehaltenen Lenker massiert, in den Spiegeln verschwimmt das Bild, die Hupenabdeckung flattert wild, der gummigelagerte Motor wiegt sich rhythmisch im Rahmen – und überall auf den Häuserfassaden spiegeln sich flimmernde Chromteile. Weiter. Kein Gas, nur Kupplung. Treckermäßig zieht sie im langen ersten Gang voran. Jetzt dreht man am Gas und schaltet kurz hintereinander noch zwei Gänge hoch. Maschinengewehrartige Schallsalven knallen in die Gasse. Oder man fährt den Motor zwischen zwei Ampelstopps unter mittlerem Druck gleichmäßig bis 4000 U/min hoch- und dann wieder langsam über die gesamte Tonskala herunter. Dabei genießt man, wie der turbinenartige Klang der Wellen, Ketten, Lager und Riemen sich in immer tiefere Lagen bewegt, sich der Takt von Kolben und Ventiltrieb verlangsamt, das langhubige Atmen aus Luftfilter und Auspuff ausklingt und die Maschine schließlich wieder ihr Leerlauf-Tohuwabohu aufnimmt. Eine Symphonie in 103 Kubik-Zoll. Das ist Harley.

 

Cruisen

Mediterraner Süden. Auf der Switchback sitzt man aufrecht und genießt die Landschaft. Man sucht sich Straßen der letzten Ordnung. Weit und breit keine Autos, kein Diesel-Gestank, keine Aggressionen, keine Idioten. Entspannung. – Ein Supersportler zieht tief gebückt vorbei, hebt zum Gruß das rechte Bein. Junge, hab‘ Spaß! Aber pass auf dich auf, und auf deinen Führerschein. Im milden Fahrtwind geht es weiter. Die Kraft und Ruhe des Bikes überträgt sich auf den Fahrer. Vorne auf dem Chrom-Lampenschirm, der blaue Himmel, ein paar Zirruswolken, schnell vorüberziehende Platanen-Kronen, surrealistisch gebogene Häuserreihen und die Sonne als winziger, strahlender Punkt. Man schwebt im Raum und wird zum Teil der Natur. Harley-Mystik.



Cruisen in der Natur: das kann man mit ihr gut.




Zurück in die Stadt. Was wären Städte ohne Harleys? Man sieht sie überall und dennoch: jede von ihnen fällt auf. Rollt man mit verhalten grollendem Motor durch belebte Straßen, passiert es immer wieder: neugierige Männer würdigen sie eines heimlichen Blicks, Kinderaugen folgen ihr lange und andächtig, die Smartphone-Jugend hebt kurz den Kopf, um sich dann wieder ganz dem SMS-Verkehr zu widmen und die Frauen… durchschaue ich nicht. Die Hypothese, nach der sie zwar auf gelbe Bikes, aber doch eher auf Typen mit mattschwarzen Motorrädern stehen… stelle ich hier einfach mal zur Diskussion.



Geschrieben von Q-Flat am 12.04.2014 um 20:25:

RE: Switchback - Erfahrungsbericht 16000 km

„Sportlich“ Fahren

Die Switchback hat unter den Big-Twin-Harleys wohl die klassischste Fahrwerksauslegung. Vorne 18er, hinten 17er Leichtmetallfelgen, schlauchlose Niederquerschnittreifen in moderater Dimension und einen relativ steilen Gabelwinkel von 29°. Das sind die Zutaten zu einem für Harley-Verhältnisse fast sportlichen Fahrvergnügen. In der Praxis allerdings beklagt sich so mancher über die mangelnde Bodenfreiheit. Ich will es positiver ausdrücken: was bei der Jazz-Musik das Waschbrett, ist bei der Switchback-Fahrt das Trittbrett.



Souveränes Fahrverhalten in langgezogenen Kurven (auch mit einer Hand).




Auf eng gewundenen Straßen mag ich die FLD besonders gerne. Für Schräglagenwechsel braucht man wenig Kraft. Ganz leicht schwingt sie im Takt der Kurven. Hin und wieder eine Trittbrett-Einlage: krrrrr! Da geht noch mehr! Krrrrrrrrrrr! Vorausschauend und sanft muss man sie Fahren, bewusst kuppeln, bewusst schalten, die Gangwechsel genießen, bei der Verzögerung oldschoolmäßig herzhaft zulangen, den Motor in den Bremsvorgang mit einbeziehen. Am Kurvenscheitelpunkt genießt man dann die Furore, mit welcher der V-2 die Kraft aus dem Keller holt und das 300-Kilo-Bike nach vorne katapultiert. Grandios wird das Ganze auf steil ansteigenden Bergstraßen mit Felswänden am Fahrbahnrand. Wenn man da so richtig Gas gibt, hört sich das an, als wenn ein Transporthubschrauber hinter einem flöge. Sport pur.

 

Touren

Im letzten Sommer gab es Zeiten, da habe ich Tanks leergefahren und gefüllt wie man atmet. Zwei Monate nach dem Kauf der neuen Switchback zeigte der Tacho schon 8000 km. Ich habe es überlebt – bestens.



Harley-Touren – ein Genuss, besonders mit Gleichgesinnten.

Beim Touren, gerade wenn die Bedingungen schwierig sind, weiß man es zu schätzen, gut ausgerüstet zu sein. Bei regennasser Fahrbahn wird einem dann zum Beispiel bewusst, dass die ausladenden Schutzbleche der Switchback nicht nur Styling-Elemente sind, sondern auch funktionalen Sinn haben. Bei einbrechender Dunkelheit freut man sich festzustellen, dass der in Chrom gehüllte Scheinwerfer wirklich das Licht bringt, welches ein nachtblinder Mann braucht, um noch sicher nach Hause zu kommen.



Oft auf Straßen der letzten Ordnung unterwegs.




Und sollte der wasserscheue, nachtblinde Fahrer der Switchback einmal Opfer einer Reifenpanne werden, wird er froh darüber sein, über schlauchlose Reifen zu verfügen, die sich fast immer ohne Radausbau reparieren lassen – vorausgesetzt er hat ein Reparaturset im Koffer.

Mit der Switchback zirkelt man mit unglaublicher Leichtigkeit durch das urbane Gewusel. Kreisverkehre, enge Abzweigungen, Beschleunigungsspuren, schnelles Hin- und Her und was sonst noch alles zum Großstadtslalom gehört, beherrscht sie perfekt. Auch im langsamsten Fahrmodus ist die Switchback Spitze. Ohne Korrekturen bewegt man sie nahe der Null-Kilometer-pro-Stunde-Grenze stur geradeaus; auch bei engsten Lenkmanövern bis an den Anschlag denkt man nicht daran, zur Sicherheit einen der Füße von den Trittbrettern zu nehmen. Na gut, man denkt vielleicht daran, tut es aber nicht. Auf keinen Fall! – Der Mini-Ape hat gerade die richtige Höhe, um beim Fahren durch stehende Fahrzeugreihen nicht mit irgendwelchen Außenspiegeln zu kollidieren (Südfrankreich…). Selbstverständlich könnte er mit ihnen kollidieren, aber das wissen die Autofahrer, deshalb machen sie Platz. Wofür man sich immer herzlich bedankt.



Im Langsamfahrmodus beeindruckend stabil.



Geschrieben von Q-Flat am 12.04.2014 um 20:35:

RE: Switchback - Erfahrungsbericht 16000 km

Weniger souverän reagiert die Switchback auf Verkehrsberuhigungs-Buckel und schlecht geflickte Straßen. Auch mit ihrer speziellen Gabel (Hydraulikpatrone im linken Holm) wird sie nicht zur Sänfte. Wie sollte sie auch? Mit den dynatypisch kurzen Federwegen von 98mm vorne und 54mm hinten bekommt man zwangsläufig ganz schön was auf den Hintern.



Mag sie nicht: Verkehrsberuhigungs-Buckel






Ist aber behänder als viele andere bei der Umfahrung von Verkehrsberuhigungs-Kreisverkehren.



Im Zwei-Personen-Betrieb schlägt sich die Switchback ziemlich gut. Fahrer- und Beifahrerkomfort sind ungefähr gleich. Was die Pausenzeiten angeht, ist man sich somit meistens einig. Völlige Missbilligung verdienen allerdings die Sozius-Fußrasten. Wie bei einem 50er-Moped aus den 70er-Jahren sind sie direkt auf die Hinterrad-Schwinge geschraubt, so dass die Beine des Beifahrers, völlig ungefedert, ständig in Bewegung sind. Eine Schande für ein Bike mit Touring-Anspruch! Selbst Sportsters können es besser.



Eines Tourenbikes dieser Klasse unwürdig: die Befestigung der Beifahrer-Fußrasten.



Eine weitere Kritik werden nur klappergeräuschempfindliche Naturen auszusprechen haben, die gerne mit Sissy-Bar unterwegs sind: an ihren nicht ganz passgenauen Schnellverschlüssen werden einige unangenehme Frequenzen generiert, die sich aber sicherlich mit etwas Improvisationstalent beheben lassen.

Das Touring-Equipment der Switchback ist, harleytypisch, ziemlich schwer. Koffer und Scheibe summieren sich zu 17 kg Mehrgewicht, mit der abnehmbaren Sissy-Bar werden es 21 kg. Es ist, ebenfalls harleytypisch, hervorragend verarbeitet, aber mehr design- als praxisorientiert. – Die rautenförmigen Koffer kommen schnell an ihre Grenzen, wenn es rechteckige Gegenstände zu verstauen gilt. Wenig über DIN A 4 liegt das ungefähre Limit. Bei allem, was gefaltet und gerollt werden kann, ist die Form nicht störend.



Gut verarbeitete Koffer, aber wenig Platz für rechteckige Gegenstände (Vergleich: DIN A 4).




Für die kleine Tour bieten die Switchback-Koffer ausreichenden Stauraum; für einen Urlaub mit zwei Personen wird der Anbau einer Sissy-Bar mit Gepäckträger unumgänglich. Lässt man die Koffer ständig am Bike, kann man immer das Nötigste mitnehmen: Werkzeug, Regenkombi, Schloss und und und… Ich fahre trotzdem lieber ohne.

Die Scheibe, das ist bekannt, erzeugt durch ihre Form und ihre aufrechte Stellung Verwirbelungen, die je nach Fahrergröße und Geschwindigkeit sehr störend sein können. Ich (1,87m) fahre damit ungern über 80 km/h. Und darunter braucht man eigentlich keine Scheibe, außer vielleicht im Winter. Deshalb steht sie bei mir fast immer im Schrank. Auch die bei Harley erhältliche höhere Scheibe scheint für größere Fahrer keinen entscheidenden Vorteil zu bringen.



Die serienmäßige Scheibe erzeugt störende Verwirbelungen ab 80 km/h.




Das Abmontieren des Touring-Zubehörs geht in weniger als fünf Minuten. Vorher sollte man sich allerdings gut überlegen: wohin mit dem Zeug? Der Schwerpunkt der abgebauten Koffer liegt so, dass sie sich nicht schnell irgendwo abstellen lassen – sie fallen um. Deshalb gibt es an der Unterseite wahrscheinlich auch keine Schutzpads zur Schonung des wertvollen Lacks. Ebenso wenig übrigens wie einen Tragegriff. Man hält die Koffer, nachdem man sie aus ihrer Führung gezogen hat, doof im Arm. Wer also bei der Ankunft im Hotel eine elegante Figur machen möchte, kaufe sich Innentaschen.



Ich bin kein Fan von Gepäcksystemen…




Die Switchback ist keine Fahrmaschine vom Schlage einer modernen Reise-Enduro – ihr wisst schon, diese nervigen Alleskönner und Klassenbesten, deren Hauptmission es ist, euch von allem zu entkoppeln, was Motorradfahren ausmacht: Motorvibrationen, Fahrbahnunebenheiten, Wind und Wetter.

Harley und Ergonomie? Ach was! Da passt man sich an. Das Bike sagt dir: hier die Hände, da die Füße, dort der Arsch. Fertig. Beim Biken braucht man Ergonomie so wenig wie beim Sex.

 

Fazit

Die Switchback ist keine mit dem kaufmännischen Rotstift reduzierte Roadking, sondern eine zu Tourenzwecken stimmig aufgerüstete Dyna. Sie ist, vom Konzept her, ein Sport-Touring-Cruiser. Ihre stilistische Eigenständigkeit ergibt sich aus ihrem multifunktionalen Konzept. Das Design folgt weitgehend der Funktion und ist somit schlüssig.

Die Switchback ist etwas für Fahrer, die…

Die Switchback ist unter den Harleys so etwas wie ein Schweizer Messer. Sie ist keine Design-Ikone, sie kann fast alles, aber nichts in allerhöchster Perfektion. Nur wer Vielseitigkeit schätzt, kann sie lieben.












Geschrieben von Q-Flat am 12.04.2014 um 20:50:

RE: Switchback - Erfahrungsbericht 16000 km

II. Mein persönlicher Weg zur Switchback

 

Die Kaufentscheidung

Man kann keine Switchback kaufen, ohne sich die Frage zu stellen, ob die Roadking nicht die bessere Wahl wäre. Spielen Geld und Gewicht keine Rolle, ist sie das sicher auch. Die Roadking sieht einfach etwas geiler aus, steht eine Spur wertiger da und gibt dem Eigentümer das Bewusstsein: ich fahre eine der ultimativen Harleys. Fängt man an, die Preise gegeneinander abzuwägen, sollte man natürlich auch immer bedenken, was man für die 5000 Euro Mehrpreis der Roadking gegenüber der Switchback sonst noch alles bekäme – mit diesem Geld könnte man zum Beispiel sich selbst oder seiner Frau, dem Sohn, der Tochter eine gebrauchte Sportster in die Garage stellen.

Bei mir lief es – ohne Überlegungen, ohne Probefahrt – wie folgt: an meiner Super Glide Custom (2009) störte mich die mangelnde Touren- und Soziustauglichkeit. Im Juni 2013 entschloss ich mich, sie mit einer anderen Sitzbank und Koffern auszurüsten. Als ich gerade, zusammen mit meiner Frau, beim Freundlichen eine Sitzprobe auf der Switchback machte, kam ganz zufällig der Verkäufer des Wegs… Den Rest könnt ihr euch denken: das Geld für den Kauf von Sitzbank und Koffern habe ich mir gespart. Der Freundliche nahm mein altes Bike in Zahlung; ich verpflichtete mich, 7500 Euro draufzulegen und bekam eine neue Switchback (serienmäßig mit Koffern, Tourensitz und Scheibe), inklusive Zulassung, erster Inspektion, einer abnehmbaren Sissy-Bar mit Gepäckträger, Stage 1 (unter vorläufiger Beibehaltung des serienmäßigen Schalldämpfers, der lediglich „entkorkt“ wurde).


Die alte Super Glide Custom – in guter Gesellschaft.

Der Werterhalt bei Harley ist noch immer top. Mein altes Bike hatte vor vier Jahren 14500 Euro gekostet (inklusive  Zulassung, erster Inspektion und zweier Helme = 1000 Euro). Es hatte 35000 Kilometer gelaufen. Der Händler nahm es nun für  10500 Euro in Zahlung.

 

Der 103cui und Stage I-Effekt

Die erste Frage, die ich mir nach der Einfahrzeit der neuen Switchback stellte, war natürlich: was bringt der 1690er-Motor mit Stage I gegenüber dem serienmäßigen 1585er? Meine Super Glide Custom aus dem Jahr 2009 hatte ich bis zum Schluss völlig serienmäßig gelassen und war damit eigentlich zufrieden. Der 96-cui-Motor hatte mit der leichten Dyna leichtes Spiel. Sie ging wirklich sehr gut, fand ich, auch ohne offenem Luftfilter und Auspuff. Eine Spaßbremse gab es allerdings: drehte man zu schnell am Gasgriff, kam es im unteren und mittleren Drehzahlbereich (dort, wo die Auspuffsteuerklappe dicht macht) zu Beschleunigungs-Klingeln – Zeichen einer zu mageren Motorabstimmung und einer zu heißen, ungleichmäßigen Verbrennung. Diesen Lastzustand musste ich also vier Jahre lang vermeiden.

Die Switchback war bei der Auslieferung wie folgt konfiguriert: (1) ein einfacher Screamin‘ Eagle Luftfilter, der unter den „Butterdosendeckel“ passt; (2) SEPST-Standard-Mapping für Stage I; (3) Öffnung des Durchgangs am serienmäßigen Auspuff (ohne Klappensteuerung).



Schön: der 103 cui Motor mit Stage I Luftfilter.






Mit dem Screaming Eagle Super Tuner Pro darf der Stage I-Kunde zu Hause weiter spielen.




Die ersten Fahrten mit der Switchback unter Volllast gestalteten sich eher enttäuschend. Gegenüber der serienmäßigen 96 cui Superglide Custom stellte ich gleich fest, dass der Hubraumunterschied und die (noch unvollständige) Stage-I-Aufrüstung keinen überwältigenden Unterschied brachten. Auf dem Papier gab es zwar mehr Leistung, aber auf der Straße, aufgrund des ähnlichen Leistungsgewichts beider Motorräder, keine wesentliche Verbesserung des  Beschleunigungsverhaltens. Aufgrund der verbesserten Motorabstimmung trat das Problem des Beschleunigungsklingelns nicht mehr auf, was mich freute. Dafür kam ein allseits diskutiertes Switchback-Phänomen hinzu: deutliche, nicht unbedingt angenehme Vibrationen im Bereich von 2800-3200 U/min. „Normal“, sagte man mir bei Harley. Der 103er liefe in diesem Drehzahlbereich einfach rauer als der 96er. In amerikanischen Harley-Foren wird die spezifische Auspuffaufhängung dieses Bikes plausibel als Verursacherin für die Vibrationen diskutiert.



Keine gute Lösung: Stage I und Aufbohrung des Serienschalldämpfers.



Stage I unter Beibehaltung des aufgebohrten Serienauspuffs bringt keinen Fahrgenuss. Beispiel, ein beliebiger Überholvorgang: Man gleitet zunächst mit etwa 2200 U/min hinter dem vorausfahrenden Fahrzeug her. Der Motorlauf ist geschmeidig, der Auspuffton sehr leise (Aufbohrung nicht hörbar). Dann dreht man am Gasgriff, das Bike geht mit gutem Druck voran, aber das Auspuffgeräusch wird plötzlich (gemessen an der Beschleunigung) überproportional laut. Dadurch wirkt der Motor gequält. Die Vibrationen zwischen 2800 und 3200 U/min unterstützen diesen Eindruck. Rein subjektiv kann es selbst eine Switchback ohne Stage I mit völlig serienmäßigem Schalldämpfer etwas besser. Sie ist zwar schwächer, aber beim Hochdrehen des Motors in der Lautstärkeentwicklung harmonischer, wodurch der Eindruck einer insgesamt müheloseren Leistungsentfaltung entsteht. 



Damit verbessert sich das Verhalten des Motors erheblich: Vance&Hines Schalldämpfer.



Die große Harley-Offenbarung kam erst, als ich den aufgebohrten Serienschalldämpfer durch einen Vance & Hines-Twin-Slash-2-into-1-Slip-On-Schalldämpfer ersetzte. Unglaublich, wie sich mit einer einfachen, offenen Tüte die Kraftentfaltung des Motors beeinflussen lässt, wenn an der Einlassseite und vom Mapping her schon das Nötige getan wurde. Nichts ist seit diesem Umbau wie vorher. Fast alle Fahrstrecken fahre ich jetzt bei gleicher Geschwindigkeit einen Gang höher. Der Motor hängt schon weit unterhalb von 2000 U/min absolut rund am Gas und lässt sich, wenn man will, mit gleichmäßigem Schub bis an die oberste Drehzahlgrenze hochdrehen. Dabei ist die Geräuschentwicklung absolut parallel zur Kraftentwicklung. Selbst die Vibrationen zwischen 2800 und 3200 Touren passen jetzt ins Bild: sie kommen genau, wenn der Motor seinen akustischen Höhenflug beginnt.

Unabhängig von der Umrüstung machte ich aber auch zum zweiten Mal die Erfahrung, dass ein Harley-Motor erst bei 10000 Kilometern richtig eingefahren zu sein scheint. Er wird auf dieser Fahrstrecke immer stärker, immer sanfter, immer harmonischer. Auch die Vibrationen im kritischen Drehzahlbereich schwächen sich etwas ab, ohne jedoch ganz zu verschwinden.









Geschrieben von Q-Flat am 12.04.2014 um 20:51:

RE: Switchback - Erfahrungsbericht 16000 km

Zufriedenheit mit der Switchback – und mit Harley allgemein

Die Switchback ist ein voll ausgestattetes Bike, mit dem man für jeden Fahrmodus, für jede Fahrstrecke gut ausgerüstet ist. Seit ich sie habe, entschließe ich mich öfters als zuvor, spontan Zelt, Schlafsack und andere Klamotten zusammenzupacken und schnell einmal die Biege zu machen. Meine durchschnittliche Fahrleistung hat sich mit der Switchback gegenüber der Super Glide Custom mehr als verdoppelt. Offensichtlich war sie also ein guter Kauf.

Meine (letztlich noch geringe) Harley-Erfahrung verteilt sich auf zwei Modelle und etwa 50000 Kilometer Fahrt. Größere technische gab Probleme gab es weder mit der Super Glide Custom noch mit der Switchback: bei der Super Glide einen gerissenen Auspuff, der im Rahmen der Garantie ersetzt wurde und ein gelöstes Batterie-Kabel; bei der Switchback einen defekten Benzinschlauch-Schnellverschluss (das Problem wurde hier beschrieben).




Schrauben an der Switchback: bisher nur zum Reifenwechsel. 




An der Switchback bin ich bisher nur beim Reifenwechsel tätig geworden. Vorderer und hinterer Gummi hatten sich etwa gleich abgenutzt – beide waren bei etwa 11000 km fällig. Ich freue mich schon auf die Inspektionen nach der Garantiezeit. Nicht nur das Fahren, sondern auch das Schrauben (und den Austausch darüber hier im Forum) hat mich vollends zum Harley-Fan gemacht.

 

*








Harley-Davidson FLD Switchback - Datenblatt

Motor und Kraftübertragung: Luftgekühlter Zweizylinder-Viertakt 45-Grad-V-Twin, querliegende Kurbelwelle, zwei untenliegende, per Zahnkette angetriebene Nockenwellen, zwei über Kipphebel betätigte Ventile je Zylinder (ohv), Hydrostößel, Trockensumpfschmierung, Kraftstoffeinspritzung, Saugrohr-Durchmesser 46 mm, kontaktlose Transistorzündung, E-Starter, 40A-Dreiphasen-Drehstromlichtmaschine mit 493 W bei 2000 U/min und max. 540 W, Batterie 12 V/19 Ah, ungeregelter Katalysator, 1.690 ccm Hubraum, 98,4 mm Bohrung, 111,1 mm Hub, Verdichtungsverhältnis: 9,6:1, Leistung: etwa 80 PS bei 5.000 U/min, Drehmoment: 126 Nm bei 3.500 U/min, Höchstgeschwindigkeit: über 170 km/h – Primärantrieb über Duplex-Kette, mechanisch betätigte Mehrscheiben-Ölbadkupplung, Sechsganggetriebe, Zahnriemen.

Fahrwerk, Bremsen, Tank…: Doppelschleifen-Stahlrohr-Rahmen, Telegabel, Standrohrdurchmesser 41 mm, zwei Federbeine mit einstellbarer Federbasis, Zweiarmschwinge aus Vierkantstahlprofil, Gabelwinkel: 29°, Lenkkopfwinkel: 30°, Nachlauf: 132 mm – Federwege vorne/hinten: 98 mm/54 mm, 5-Speichen Leichtmetallguss-Felgen vorne/hinten: 18-3.50/17-4.50, Bereifung vorn/hinten: Dunlop D 402F 130/70 B18 63H, D 401 160/70 B17 73H, Reifenluftdruck vorn/hinten: 2,5 bar/2,8 bar – Bremsen: vorne eine gelochte Scheibenbremse, schwimmend gelagert, 300 mm, Vierkolben-Festsattel (ABS); hinten: eine gelochte Scheibenbremse, 292 mm, Zweikolben-Schwimmsattel (ABS), Sitzhöhe: 695 mm, Tankinhalt: 17,8 l (3,4 l Reserve), Leergewicht: 330 kg, Gewichtsverteilung: 140 kg vorne, 180 kg hinten, Zulässiges Gesamtgewicht: 530 kg.


Geschrieben von Karl H. am 12.04.2014 um 21:14:

RE: Switchback - Erfahrungsbericht 16000 km

Sooo schööön! 👏

Danke Uwe für Deine überzeugende Liebeserklärung an Harley im Allgemeinen und die Switchback im Besonderen. Prosa und Fotos erste Sahne! 😁

Gruß
Karl

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Gruß
Karl


Geschrieben von SAKBM am 12.04.2014 um 21:22:

RE: Switchback - Erfahrungsbericht 16000 km

dito...👏

Einfach Goil😜

SAKBM

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Gestern ist gestern und morgen ist Gestern heute.

Mir egal, wer dein Vater ist!!! Solange ich hier angle, geht hier keiner über´s Wasser!!!!!unglücklich cool cool ?(


Geschrieben von e-glide cascais am 12.04.2014 um 21:42:

RE: Switchback - Erfahrungsbericht 16000 km

Vielen Dank für diesen schönen und eindrucksvollen Bericht - well done👏👏👏

Er ist wunderbar zu lesen und Du hast Dir hier richtig viel Mühe gegeben, um uns zu informieren - noch ein Danke!

Gruss Reinhard


Geschrieben von luiz-alfredo am 12.04.2014 um 22:14:

RE: Switchback - Erfahrungsbericht 16000 km

Ich kenne das Motorrad.  Vom TC Kalenderbild  April.  

Schöner Bericht, wann schreibst du dein erstes Buch ?

Gruss Jürgen


Geschrieben von Mande am 13.04.2014 um 05:29:

RE: Switchback - Erfahrungsbericht 16000 km

Perfektes Storyboard, Uwe! Besten Dank!

👏

Andreas aus CH
mande(at)twincam-forum-nr1.de/www.twincam-forum.info
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Gruss Mande aus CH


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Geschrieben von FLHRCI am 13.04.2014 um 10:13:

RE: Switchback - Erfahrungsbericht 16000 km

👏

Gruss Hans

I-mehl
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Gruss Hans

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Geschrieben von ulifingerle am 13.04.2014 um 10:33:

RE: Switchback - Erfahrungsbericht 16000 km

..unglaublich gut!

Harley + Technik + alte Heimat....ich bin begeistert!

👏👏👏


Geschrieben von Harleywern am 13.04.2014 um 11:09:

RE: Switchback - Erfahrungsbericht 16000 km

👏Danke, habe deinen Bericht wirklich gerne gelesen. Auch ich hatte nach dem Totalschaden meiner Road King mit dem Gedanken gespielt mir die damals neu auf den Markt gekommene Switchback zu kaufen. Da ich aber meist zu zweit fahre, waren die an der Schwinge montierten Rasten ein No Go. Wie du richtig schreibst, ist die Switchback sicher keine Road King Alternative. Man sieht allerding öfter den Vati mit der Road King und die Mutti mit der Switchback. Das macht sie aber nicht zum Muttimoped

Ride safe

Werner

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2021 FXBBS Street Bob 114 "Bobby" Yang
2012 FLHTCU Ultra Classic "Möhrchen" Yin
2011 FLHX Street Glide "Snow White" Gone
2007 Buell Ulysses XB12X "Uly Brüll" Shouldn't have sold her
1999 FLHR Road King "Scratchy" R.I.P. killed


Geschrieben von Tommi69 am 13.04.2014 um 11:16:

RE: Switchback - Erfahrungsbericht 16000 km

Absolute Spitze👏

Zum 50igsten in wenigen Jahren will ich mir auch etwas tourentauglicheres als meine in die Jahre gekommene TC88 Dyna gönnen!

Bezahlbar sein sollte es auch, da hast mir richtig Lust auf die Switschback gemacht!!!

Gruß Tommi


Geschrieben von Karl H. am 13.04.2014 um 15:18:

RE: Switchback - Erfahrungsbericht 16000 km

Zum Thema "Soziusrasten an der Schwinge" muss ich noch was los werden!

Stellt euch vor, die Soziusrasten wären an der Schwinge, aber genau im Schwingendrehpunk angebracht: Sie wären 100% gefedert! Wären sie hingegen (wie beim Moped anno dunnemals) mit der Hinterachse an der Schwinge verschraubt, wäre keine Federung gegeben. Bei den Dynas ab 2004 sind die Rasten zwar an der Schwinge verschraubt, aber ganz dicht am Schwingendrehpunkt angeordnet. Ich würde sagen 80-90% gefedert!

Gruß
Karl

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Gruß
Karl