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Hinterradausbau Schritt für Schritt - FXDC 2009, 29 Dec. 2011 13:19
Ausbau des Hinterrades, Schritt für Schritt –
HD Dyna Super Glide Custom, 2009, serienmäβig
Ist es hier noch nötig, den Aus- und Einbau eines Hinterrades in allen Details zu beschreiben? Für viele von Euch ist der Radwechsel sicher Routinearbeit, um die es sich nicht lohnt, viele Worte zu machen.
Für mich war der Aus- und Einbau des Hinterrades die erste Möglichkeit, mich im Umgang mit Zollschlüsseln zu üben. Wenn ich die Arbeitsgänge hier beschreibe, dann als Harley-Neuling, der seine Erfahrungen anderen Harley-Neulingen hinterlegen möchte. Natürlich weiβ ich, dass einiges, was ich hier zum Besten gebe, dem gewieften Harley-Schrauber als umständlich erscheinen wird. Wenn jeder Handgriff sitzt, kann man sich natürlich so manch komplizierte Maβnahme der Positionierung einzelner Teile ersparen. Ist man aber ungeübt und braucht für jeden Arbeitsschritt Zeit, dann, so habe ich die Erfahrung gemacht, ist es besser, umständlich mit tausenderlei Vorkehrungen zu arbeiten, als schnell drauf los und dann unsicher. Denn, das Wichtigste am Ende des Tages ist ja, dass man sich weder verletzt, noch irgend etwas beschädigt, was einem Laien wie mir leicht passieren kann.
Bevor es nun mit der Arbeit los geht, noch eine kurze Vorgeschichte: vor einem Jahr, als mein Motorrad nach 11000 wunderbaren Kilometern seinen ersten neuen Reifen brauchte, ging ich fromm zum Freundlichen, um ihn ergeben um Austausch zu ersuchen. Nach meiner demütigen Frage, wieviel es sich denn gezieme für einen solchen Dienst zu entrichten, hörte ich eine Zahl, die ich hier nicht auszusprechen wage. Ich sage nur eines: pure Mystifikation einfacher Hände Arbeit.
Also beschloss ich, mein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und den fälligen Reifenwechsel so anzugehen, wie ich es schon zigmal bei meiner alten BMW gemacht hatte: Rad ausbauen, Reifen vom Fachmann wechseln lassen, Rad einbauen.
Ich habe mir einen Motorradheber sowie Zollwerkzeug gekauft und mich an die Arbeit gemacht. Aber ich muss ehrlich gestehen, dieser erste Harley-Radwechsel hat mich doch ganz schön ins Schwitzen bebracht. 21 kg wiegt das hintere Speichenrad einer Super Glide Custom. Dieses hohe Gewicht ist einer der Gründe dafür, warum der Ausbau eines Hinterrades bei einer Harley eben doch nicht so einfach ist wie bei vielen anderen Motorrädern.
Damals kam es bei mir zum Beispiel zu einigen Ungeschicklichkeiten im Moment des Einsetzens der Steckachse. Eine Hand brauchte ich, um das bleischwere Rad zu halten, eine andere um die Steckachse einzuschieben, eine dritte (woher?), um Distanzbuchsen und Bremssattel in Stellung zu bringen… Kurzum, ich wurde hektisch, riss am Rad, rüttelte, drückte auf die Steckachse, versuchte mit dem Knie die Hinterradschwinge in Stellung zu bringen, fluchte, drückte das Rad mit dem Fuβ nach oben, kochte vor blinder Wut – ja, bis dann irgendwann alles an seinem Platz war. Oh Mann, so ein Stress. Was ich gleich sah: der linke Stoβdämpfer hatte im Gefecht die Schwinge berührt und dort eine Schramme verursacht. Was ich aber nicht sah: durch mein Gezappel hatten die Bremsbeläge ihre Führungsklammer verkantet und verbogen. Das fiel mir erst bei der Probefahrt auf, als ich ein leichtes Schleifen hörte, anhielt, den Motor ausmachte, und dann feststellte, dass mein Schlüssel noch zu Hause lag. Natürlich hatte ich die Startprozedur mit dem Code noch nicht drauf… Lieber Freundlicher, vergib mir meinen Hochmut!
Gestern, bei 23000 km Tachostand, kam der nächste Dunlop drauf. Was soll ich sagen? Diesmal lief es viel besser. Hier mein detaillierter Bericht, von dem ich hoffe, dass er den mutigen Neulingen in der Harleywelt den Stress erspart, den ich bei meinem ersten Radwechsel hatte.
Meine Ausrüstung für diese Arbeit :
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Motorradheber.
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3 kleine Holzklötzchen (Höhe/Breite/Länge: 3 cm x 5cm x 10cm).
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ein kleiner PKW Hydraulikheber.
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Spanngurte.
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Kabelbinder.
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Drehmoment-Schlüssel (10-50Nm und 20-150Nm).
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Ratsche mit 36er Nuss; Ringschlüssel: 1’1/8 Zoll, 3/4 Zoll (=19metrisch)x2, 3/8 Zoll; Inbus: 5/16 Zoll; Torx: T-50; einen grossen Kreuzschlitz-Schraubendreher
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Schraubensicherung Loctite 243.
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Ein kleines, selbstgebautes Messwerkzeug (siehe unten).
I. Die Vorbereitung der Arbeit
Markierungsarbeit
Erstens markiere ich die Position des Riemen-/Achsspanners (um später die ursprüngliche Riemenspannung wiederherstellen zu können).
Zweitens fotografiere ich die Position aller Einzelteile. Mir fiel auf: die Nuten auf den Alu-Distanzhülsen zeigen immer nach auβen.
Drittens vermesse ich die Position des Rades. Dabei bediene ich mich der von Harley empfohlenen Schweiβdraht-Methode :
Man biegt sich einen Schweiβdraht in dieser Form: kurze Seite =57mm; lange Seite =250mm. Man steckt das spitze Ende in das dafür vorgesehene Loch in der Schwinge (etwa sieben cm vor der Achse) und misst an beiden Schwingenholmen den Abstand zwischen diesem Loch und dem Achsmittelpunkt mittels eines verschiebbaren O-Rings.
Lösen der Achsschraube
Damit man die mit hohem Drehmoment angezogene Achsschraube nicht später auf dem Motorradheber lösen muss, tut man das besser, solange das Motorrad noch auf festem Grund steht. Vorher noch den Sicherungsclip mit einer Zange aus der Nut ziehen und den Plastikstopfen aus der Achse hebeln. Bei der Achsmutter (links) passt eine metrische 36er Nuss genau. Zum Kontern (rechts) braucht man eventuell einen flachen 1.1/8 Zoll Ringschlüssel. Bei mir hat sich die rechte Achsschraube allerdings noch nie mitgedreht. Ich halte den Schlüssel in Position, brauche ihn aber nicht.
Sauberes Positionieren des Fahrzeugs auf dem Motorradheber
Die Dynas haben an der rechten Rahmenschleife hinten eine Verstärkung, die ein gerades Aufbocken der Maschine ohne drei Unterleg-Klötzchen von 3 cm Höhe unmöglich macht. Die Positionierung dieser Klötzchen ist etwas heikel. Ich setze mich dazu auf die Maschine, halte sie gerade und schiebe den Motorradheber von rechts darunter. Durch hin- und herschieben des Motorrads positioniere ich nun das erste Klötzchen hinten links genau vor einer Blechlasche am Rahmen (die zur Befestigung eines Kabels dient); die Positionen der anderen Klötzchen ergeben sich dann aus der Breite des Motorradhebers (bei mir 35 cm Auβenmaβ). So wird die Maschine, im Prinzip, fest und bestens austariert stehen. Aber Vorsicht – die Verhältnisse können von einem Modell zum anderen variieren.
Noch haben beide Räder vollen Bodenkontakt. Beim ersten Anheben des Motorrads bleibt natürlich immer die Ungewissheit, ob alles passt. Und ich gebe zu, die Aufgabe, mein geliebtes Bike in einen unbestimmten Schwebezustand zu versetzen, bereitet mir immer wieder Stress.
Langsam vorgehen. Zunächst bleibe ich auf dem Motorrad sitzten und betätige mit dem rechten Fuβ (etwas umständlich) das Pedal des Motorradhebers bis das Motorrad gut aus den Federn ist und von alleine steht (dabei bleibt der Seitenständer zur Sicherheit ausgeklappt). Dann steige ich vorsichtig ab und kontrolliere, ob die Klötzchen alle gut sitzen, ohne irgendwo an den Motor zu stoβen oder irgendwelche Kabel abzuklemmen. Erst dann geht es weiter in die Höhe, immer schön langsam. Die oberste Position des Hebers ist die beste, weil stabilste. Nicht vergessen, den Heber in dieser Position zu arretieren. Zur Sicherheit empfiehlt der Hersteller des Motorradhebers auch, das Motorrad mit Spanngurten zu sichern. Zusätzlich kann man auch noch das Vorderrad so unterlegen, dass das Motorrad unter keinen Umständen nach vorne kippen kann.
Bedingungen für kontrolliertes Arbeiten schaffen
Wie gesagt, das Hinterrad der Dyna wiegt 21 kg. Damit ich später jeden Arbeitschritt ohne Hektik und Kraftaufwand bewerkstelligen kann, stelle ich einen einfachen, kleinen PKW-Hydraulikheber unter das Rad, um es anzuheben.
Damit das Rad auf dem relativ kleinen Hubteller beim Anheben schön in Position bleibt, sichere ich es von oben mit einem über die Sitzbank gelegten Spanngurt (Sitzbank vorher abdecken), der dann, sowie ich den Hydraulikheber betätige, Stück für Stück nachgezogen wird.
Dieses ist der erste Teil. Es geht sofort weiter mit dem Ausbau.
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viele Grüße
Rolf
only loud pipes save lives