Viele von euch sind sicherlich schon hinter einem Road Captain her gefahren, meist in Freude, weil ihr euch nicht um die Streckenführung kümmern musstet - einige Male vielleicht auch mit einem Hals, weil ihr den Typen da vorne hättet verfluchen können, da ihr nicht jede seiner Aktionen oder Reaktionen nachvollziehen konntet.
Mal generell: Road Captain zu sein ist ungefähr genauso beschissen, wie es sein muss, Bundesliga-Trainer zu sein. Gefällt euch die Tour, ist er der Größte, versteht ihr seine Aktionen nicht, wird er eingetopft. Wie beim Fußball, wo die wahren Trainer daheim auf der Couch sitzen, gibt es auch unter Harley Fahrern solche, die von ganz hinten natürlich besser beurteilen können, wie der Road Captain vorne in einer schwierigen Situation hätte reagieren sollen.
Die wahren Herausforderungen bestehen längst nicht in einer guten Vorbereitung der Strecke, denn da hat man seine Ruhe am Rechner und kann entspannt planen. Richtig spannend wird es, wenn die Tour beginnt und die Meute los tobt.
Da wir ja heutzutage mit Navi unterwegs sind, sieht es nur auf den ersten Blick so aus, als bräuchte der Typ da vorne nichts anderes tun, als seinen Pfeilen auf dem Gerät nachzufahren. Ich sage euch: weit gefehlt. Wie zum Beispiel bei der diesjährigen Edersee Rundfahrt geschehen, kam nach 10 km eine Umleitung, die wir (SteveHD und ich) nicht eingeplant hatten. Also runter von unserer offiziellen Route. Neu orientieren – keine Ahnung, wo es uns hin verschlagen wird. Als Road Captain tust Du dann so, als hättest Du alles im Griff, damit die Meute hinter Dir nicht unruhig wird.
Zu allem Überfluss spinnt dann meist auch noch das Navi, da es mit aller Macht versucht, die Ausfahrt wieder auf die richtige Route zurück zu bringen. Klar, einige von euch werden sagen, einfach Umleitungs-Knopf drücken und dann klappts auch wieder mit dem Navi. Doch diese Biester haben oft ein Eigenleben und hängen sich genau in dem Moment auf, an dem Du so sehnlichst klare Anweisungen von ihnen erwartest. Bei der Edersee Ausfahrt musste ich während der Fahrt die geplante Route stoppen und neu aufsetzen – erst dann hatte auch das Navi kapiert, dass es neu planen musste. Was es dann auch tat.
Dumm auch, dass SteveHD und ich nicht ahnen konnten, dass uns diese Umleitung 40 km mehr auf die Uhr bringen würde, was unsere Ankunft bei der Mittags-Location locker um eine halbe Stunde nach hinten verschoben hatte. Vielleicht bekommt ihr eine Ahnung, dass wir dann in einem solchen Moment nicht so ganz entspannt vor euch her fahren. Denken, was machen wir, wenn das ganze Essen zerkocht ist, der Wirt sauer auf uns ist, weil wir uns nicht melden und ihm die Verspätung avisieren. Können wir ja auch nicht – wir saßen ja auf unseren Moppeds.
Richtig stressig wurde es aber, weil wir wussten, dass sich dadurch der geplante Tankstopp für die Sporties von 90 km auf fast 140 km erweitern würde. Wenn jeder – so wie es sein sollte – zu Beginn der Ausfahrt mit vollem Tank am Start stehen würde, wäre das ganze kein Problem. Doch einige unserer Freunde hatten trotz kleinem Tankvolumen nicht vollgetankt – und genau diese hingen uns bei der ersten Pause mit dem Messer zwischen den Zähnen am Hals. Wann denn die nächste Tanke kommen würde ?? !!!! Der Puls stieg, als mir dann mein Navi eine Tanke anzeigte, die dann aber nach 5 km nicht mehr da war (was bei dem Kartenmaterial durchaus immer wieder vorkommt) und ich kurz rechts raus fuhr und anhielt, um mich neu zu orientieren.
Nun wurde es für einige Fahrer eng – Drohungen, ihre Böcke würden stehen bleiben – böse Blicke, ich solle jetzt mal schnell sagen, wann die nächste Tanke kommt. Doch auch ich musste erst mal wieder den Überblick finden. Hier wäre es hilfreich, wenn die genervten Fahrer nicht auf dem Road Captain rumhacken würden, denn der kann ja für die Umleitung und die Tatsache, dass einige nicht vollgetankt hatten, nun mal gar nichts.
Ich will damit folgendes sagen: Wenn sich SteveHD oder ich bereit erklären, diese Vorne-Weg-Fahrerei zu machen, dann tun wir das erst mal gerne. Es macht Spass, wir haben dafür (wie viele andere auch) sicherlich ein Händchen. SteveHD hat die Planung und Durchführung aus meiner Sicht sehr gut gemacht.
Doch ihr solltet auch wissen, dass wir das freiwillig tun, natürlich kein Geld verlangen und damit auch nicht angeschissen werden wollen, wenn irgendetwas passiert, für das wir nichts können. Auch wir sind Teilnehmer des Edersee-Meetings und auch wir wollen Spass haben. Wir wollen von euch nicht hören, dass wir uns mal ein gescheites Navi kaufen sollten, damit es dann besser klappt. Wer das möchte, der darf mir gerne das Geld für ein ZUMO 660 spendieren – ich kann euch sagen, morgen wäre das Teil an meinem Bock.
Wir brauchen auch keine genervten Blicke, wenn wir uns in dem ganzen Trubel erst mal wieder zurecht finden müssen. Und wir brauchen schon gar keine Schreiereien auf der Strasse (für die sich derjenige bei mir entschuldigt hat). Wenn einer was sagen will, dann darf er gerne zu uns nach vorne kommen, um zu helfen. Auch wir sind in unserer Funktion nur Menschen, auch wir bekommen Puls, wenns eng wird und auch wir wollen nur eines: Sicher ans Ziel kommen und Spaß haben.
Dieser Beitrag wurde schon 6 mal editiert, zum letzten mal von Easy Rider am 24.05.2011 08:23.