Weniger souverän reagiert die Switchback auf Verkehrsberuhigungs-Buckel und schlecht geflickte Straßen. Auch mit ihrer speziellen Gabel (Hydraulikpatrone im linken Holm) wird sie nicht zur Sänfte. Wie sollte sie auch? Mit den dynatypisch kurzen Federwegen von 98mm vorne und 54mm hinten bekommt man zwangsläufig ganz schön was auf den Hintern.
Mag sie nicht: Verkehrsberuhigungs-Buckel
Ist aber behänder als viele andere bei der Umfahrung von Verkehrsberuhigungs-Kreisverkehren.
Im Zwei-Personen-Betrieb schlägt sich die
Switchback ziemlich gut. Fahrer- und Beifahrerkomfort sind ungefähr gleich. Was die Pausenzeiten angeht, ist man sich somit meistens einig. Völlige Missbilligung verdienen allerdings die Sozius-Fußrasten. Wie bei einem 50er-Moped aus den 70er-Jahren sind sie direkt auf die Hinterrad-Schwinge geschraubt, so dass die Beine des Beifahrers, völlig ungefedert, ständig in Bewegung sind. Eine Schande für ein Bike mit Touring-Anspruch! Selbst Sportsters können es besser.
Eines Tourenbikes dieser Klasse unwürdig: die Befestigung der Beifahrer-Fußrasten.
Eine weitere Kritik werden nur klappergeräuschempfindliche Naturen auszusprechen haben, die gerne mit Sissy-Bar unterwegs sind: an ihren nicht ganz passgenauen Schnellverschlüssen werden einige unangenehme Frequenzen generiert, die sich aber sicherlich mit etwas Improvisationstalent beheben lassen.
Das Touring-Equipment der Switchback ist, harleytypisch, ziemlich schwer. Koffer und Scheibe summieren sich zu 17 kg Mehrgewicht, mit der abnehmbaren Sissy-Bar werden es 21 kg. Es ist, ebenfalls harleytypisch, hervorragend verarbeitet, aber mehr design- als praxisorientiert. – Die rautenförmigen Koffer kommen schnell an ihre Grenzen, wenn es rechteckige Gegenstände zu verstauen gilt. Wenig über DIN A 4 liegt das ungefähre Limit. Bei allem, was gefaltet und gerollt werden kann, ist die Form nicht störend.
Gut verarbeitete Koffer, aber wenig Platz für rechteckige Gegenstände (Vergleich: DIN A 4).
Für die kleine Tour bieten die Switchback-Koffer ausreichenden Stauraum; für einen Urlaub mit zwei Personen wird der Anbau einer Sissy-Bar mit Gepäckträger unumgänglich. Lässt man die Koffer ständig am Bike, kann man immer das Nötigste mitnehmen: Werkzeug, Regenkombi, Schloss und und und… Ich fahre trotzdem lieber ohne.
Die Scheibe, das ist bekannt, erzeugt durch ihre Form und ihre aufrechte Stellung Verwirbelungen, die je nach Fahrergröße und Geschwindigkeit sehr störend sein können. Ich (1,87m) fahre damit ungern über 80 km/h. Und darunter braucht man eigentlich keine Scheibe, außer vielleicht im Winter. Deshalb steht sie bei mir fast immer im Schrank. Auch die bei Harley erhältliche höhere Scheibe scheint für größere Fahrer keinen entscheidenden Vorteil zu bringen.
Die serienmäßige Scheibe erzeugt störende Verwirbelungen ab 80 km/h.
Das Abmontieren des Touring-Zubehörs geht in weniger als fünf Minuten. Vorher sollte man sich allerdings gut überlegen: wohin mit dem Zeug? Der Schwerpunkt der abgebauten Koffer liegt so, dass sie sich nicht schnell irgendwo abstellen lassen – sie fallen um. Deshalb gibt es an der Unterseite wahrscheinlich auch keine Schutzpads zur Schonung des wertvollen Lacks. Ebenso wenig übrigens wie einen Tragegriff. Man hält die Koffer, nachdem man sie aus ihrer Führung gezogen hat, doof im Arm. Wer also bei der Ankunft im Hotel eine elegante Figur machen möchte, kaufe sich Innentaschen.
Ich bin kein Fan von Gepäcksystemen…
Die
Switchback ist keine Fahrmaschine vom Schlage einer modernen Reise-Enduro – ihr wisst schon, diese nervigen Alleskönner und Klassenbesten, deren Hauptmission es ist, euch von allem zu entkoppeln, was Motorradfahren ausmacht: Motorvibrationen, Fahrbahnunebenheiten, Wind und Wetter.
Harley und Ergonomie? Ach was! Da passt man sich an. Das Bike sagt dir: hier die Hände, da die Füße, dort der Arsch. Fertig. Beim Biken braucht man Ergonomie so wenig wie beim Sex.
Fazit
Die Switchback ist keine mit dem kaufmännischen Rotstift reduzierte Roadking, sondern eine zu Tourenzwecken stimmig aufgerüstete Dyna. Sie ist, vom Konzept her, ein Sport-Touring-Cruiser. Ihre stilistische Eigenständigkeit ergibt sich aus ihrem multifunktionalen Konzept. Das Design folgt weitgehend der Funktion und ist somit schlüssig.
Die Switchback ist etwas für Fahrer, die…
- das zeitlose, wandelbare Design der Dynas zu schätzen wissen,
- enge, verwinkelte Straßen bevorzugen,
- meistens allein und zuweilen auch gerne sportlich unterwegs sind,
- Touren- und Soziustauglichkeit nur hin und wieder brauchen,
- eigentlich schnörkellose Motorräder vom Schlage der Sportster, Streetbob, Wideglide, Slim… mögen, aber unbedingt für eine Urlaubsreise mit zwei Personen gerüstet sein wollen.
- bereit sind, konzeptionsbedingte Kompromisse verschiedener Art einzugehen.
Die
Switchback ist unter den Harleys so etwas wie ein Schweizer Messer. Sie ist keine Design-Ikone, sie kann fast alles, aber nichts in allerhöchster Perfektion. Nur wer Vielseitigkeit schätzt, kann sie lieben.