Ich halte die Wiedereinführung der XL für einen cleveren Schachzug, denn man muss kaum Entwicklungskosten von Software und Hardware auf die Produktionskosten umlegen und für alle Gleichteile sinkt der Preis der Zulieferer mit steigender Menge. Und 20000 Einheiten mehr sind in der abendländischen Motorradindustrie schon eine Hausnummer. Und, nicht zu vergessen, der Teilepreis sinkt ja dann auch für die Big Twins.
Gleichteile mit den Big Twins sind die gesamte Hardware: Elektrik samt Harness, Modulen wie ABS umd ECM, BCM und Sensorik von ABS über Kurbelwellensensor bis doppelte Lambdasonden. Die Software eines 45 Grad- V-Twins unter €5+ kann auch vom Big Twin, wie auch in der Vergangenheit, übernommen werden, für ABS und Traktionskontrolle auch samt Kurvensensorik, denn die Neigungsmessumg ist in der BT-Hardware bereits integriert. Lediglich ein paar Parameter, wie z.B.
- kürzere Flammwege infolge geringerer Bohrung für das Zündzeitpunktmapping
- andere Reibwerte und Fahrzeuggeometrie für das ABS-Mapping
- usw.
müssen neu ermittelt und angepasst werden. Eventuell wird man, wie beim TC, Softwarefunktionen wie Abschalten des hinteren Zylinders, hier dann zum Basispreis nicht freischalten, und dem neuesten Trend der Autoindustrie folgen, eigentlich vom BT kostenlos übernommene Soft- und Hardware-Funktionen wie Schräglagenadaption, Traktionskontrolle, Vernetzbarkeit mit Handy und dergleichen nur gegen Aufpreis freischalten.
Also minimaler Zusatzaufwand mit Verbesserung der Kostenbasis. Wie hirnverbrannt die Entscheidung zur seinerzeitigen Einstellung der XL war, sieht man bereits hier, denn die Zuliefererkosten für den M8 wurden dadurch bereits wegen geringerer Stückzahlen in die Höhe getrieben, alles in dem Wahn, man könnte das über „Premiumpreise“ überkompensieren, was ja nun voll in die Hose gegangen ist. Leider läßt sich eine andere Kostenfolge dieser Entscheidung nicht mehr rückgängig machen, nämlich der Verkauf der Produktionsanlagen der XL. Der Gedanke von Artie Starr wird sein, dass die derzeitige Unterauslastung durch die abstürzende BT-Produktionszahlen an flexiblen Einrichtungen wie Schweiß- und Lackierroboter, Fördermittel, 5-Achsen-Bearbeitungszentren und ggfs. einfachen CNC- Drehbänken, Fräs- und Schleifmaschinen eher zu einer besseren Auslastung und damit Stückkostensenkung infolge Umlage der Abschreibung dieser Anlagen auf eine um 20000 gestiegene Produktionszahl führt, und dies wiederum für alle 45-Grad V-Twins. Die zusätzliche Umlage der Abschreibung auf jede XL für die Neuanschaffung aller Sondermaschinen, Gußformen und Rahmenlehren für die XL-Produktion läßt sich allerdings nicht umgehen. Ein weiteres Indiz für die Hirnrissigkeit der seinerzeitigen Einstellungsentscheidung. Die Pressformen für alle Blechteile der XL sind vermutlich in HD-Hand geblieben, sonst hätte ja Shineray nicht eigene Tankformen vorstellen müssen. Wie weit der Verschleiß dieser Formen zum Einstellungszeitpunkt im November 2022 bereits fortgeschritten war, wissen wir natürlich nicht, aber die Einstellung einer Produktreihe wird meist für den Zeitpunkt terminiert, wo man maßgebliche spezifischen Sondermaschinen und Werkzeuge (Press- und Gußformen) ohnehin wegen Verschleiß hätte erneuern müssen. Der Verkauf der Produktionsanlagen an Shineray spricht allerdings dagegen.
Wie allerdings 10000 € auf der Höhe der Shineray-Preise für Europa angesichts von US-Löhnen und -Gewerkschaften erreicht werden sollen, frage ich mich auch, selbst wenn hier eine Mischkalkulation zu Lasten der BT-S vorgenommen wird. M.E. sucht man händeringend Auslastung für die unterausgelasteten unspezifischen BT-Produktionsanlagen, um die drückenden Fixkosten der Abschreibung auf größere Stückzahlen umlegen zu können, was gegen eine CKD-Produktion mit Zulieferung sämtlicher Teile, Module, Motoren seitens Shineray spricht.
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„I don‘t like valves that look like golf tees. Intake valves should be the size of trash can lids, and pistons should be the size of manhole covers“ (Jay Leno)